l e b e n s w e i s e
Sonntag, 4. Dezember 2011
Zweiter Advent
feuerlibelle, So, 4. Dez. 2011, 20:29


karl heinrich waggerl (1897-1973)
aus: das ist die stillste zeit im jahr


irgendein weiser mann hat einmal gesagt, der wahre mensch sei immer traurig. als mir dieses wort zuerst begegnete, da war ich jung und nichts weniger als trübsinnig. aber eben das gab mir ja zu denken, denn ich hatte doch auch nebenbei vor, einen wahrer mensch zu werden. also übte ich mich eine weile in der kunst des weltverdrusses, ich mied meine efröhlichen freunde, und sogar meiner ersten liebe sagte ich lebewohl – vesuchsweise.
auf diese art glückte es mir zwar, zeitweilig traurig zu sein, aber immer noch nicht immer. eigentlich langweilte ich mich nur und darum entschloß ich mich, mit der menschenwerdung doch noch ein wenig zu warten. nicht lange danach kam ich von selber zu der einsicht, dass der wahre mensch durchaus nicht immer traurig, sondern eher immer närrisch ist, sodass er auch die fähigkeit der narren besitzt, mitunter glücklich zu sein. denn der verstand findet überall grenzen, und auch dem herzen sind erd und himmel offen. ich sage das immer, wenn wir wieder die weihnacht erwarten, diesen inbegriff einer freudenreichen zeit. aber ist sie das wirklich noch, – freudenreich?



ich jedenfalls laufe tagelang ruhelos durch die gassen und starre in festliche schaufenster, um für den und jenen irgend etwas aufzutreiben, was er noch nicht hat, weil er es gar nicht braucht. dabei wäre das ganze übel leicht zu beheben, indem man den unnützen kram, den man selber bekommt, wieder weiterschenkt. aber wer kann sich das jahr über merken, was er von wem bekommen hat! leider haben die schenker ein weitaus besseres gedächtnis als die beschenkten. daheim, in meiner frühsten zeit, gab es dergleichen sorgen nicht. an einen christbaum war nie zu denken, schon viel, wenn eine lange weihnachtskerze die nach über brannte. am weihnachtsabend musste bis zur mettenzeit gefastet werden, aber die mutter hatte mühe, ihren kindern diese frommen opfer deutlich zu machen. fasttage waren ja keine seltenheit bei uns. rote glut leuchtete aus dem offenen feuerloch und warf schein und schatten an die wände, während wir vor der bank knieten und den rosenkranz nachbeteten. nur der vater durfte ab und zu aufstehen, um die bratäpfel im ofenrohr zu wenden, eine schwierige arbeit, die ihn jedesmal sehr lange beschäftigte, so lang, bis die mutter einen mahnenden blick hinter sich warf. köstlich zog der geruch der äpfel über uns weg durch die stube.



ich, ich hatte freilich ja noch einen anderen duft in der nase, den von einer suppenschüssel mit heißen würsten darin, die auf uns wartete, wenn wir steifgefroren aus der mette nach hause kamen. das hielt ich damals für das eigentliche weihnachtswunder: dass es an diesem einzigen tag im jahr sogar um mitternacht noch etwas köstliches zu essen gab.

nun, das ist anders geworden, gier nach wurstsuppe plagt mich schon lang nicht mehr. aber dafür meldet sich ein anderer hunger. wie ich es sagte, ich laufe wieder von einem laden zum andern, um etwas zu finden, womit ich dem freund oder der freundin das herz erwärmen könnte. nicht, dass ich die kosten scheute, viel mehr fürchte ich mich vor einem flüchtigen lächeln des dankes, einem betretenen lächeln wahrscheinlich. warum nur ist es so schwer geworden, freude zu schenken und dabei selber froh zu sein? vielleicht müssten wir alle ein wenig ärmer werden, damit wir reicher werden.

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